Vom ersten Satz zur ersten Seite

Dies ist eine Übung aus der vierten Lektion (“Wie beginne ich meine Geschichte?”) in meinem Creative Writing Kurs (Hintergrund).

Diese Übung baut direkt auf der vorherigen Aufgabe auf. Ich sollte mich für einen der ersten Sätze entscheiden und die erste Idee, die mir dazu in den Kopf kommt, zu einem Geschichtenanfang ausbauen. Die Idee, die dabei entstanden ist, finde ich gar nicht mal so uninteressant…


git push origin main –force; shutdown -h now

„Was soll das heißen?“, Inspektor Hornbostel verlor langsam die Geduld. Die Zusammenarbeit mit den Technikern raubte ihm immer den letzten Nerv. „Das sind die letzten Befehle des Angestellten vor dem Zwischenfall. Vereinfacht gesagt hat er seine Änderungen gespeichert und für den produktiven Betrieb freigegeben – der Rest lief komplett automatisch ab“, fasste der deutlich übermüdete Experte der Spurensicherung zusammen. „Und zwischen dieser Aktion und seinem Feierabend passierte scheinbar nichts mehr, er gab dem Rechner den Befehl, dann direkt runterzufahren“, ergänzte der Administrator der Windergy AG. „Faszinierend, das ist unser Mann!“, stellte Hornbostel zufrieden fest und nahm einen großen Bissen von seinem Käsebaguette.

Drei Tage zuvor. Malte Spoor war in luftiger Höhe unterwegs, links und rechts neben ihm hörte er das Surren der Windkraftgeneratoren. Für ihn ein gewohntes Geräusch. Genau so gewohnt wie das Arbeiten in circa 140 Metern Höhe. Sein Windrad war natürlich abgeschaltet – es standen Wartungsarbeiten an der inneren Nabe an, die den Generator antrieb. Er konnte kaum in der kleinen Kabine stehen und hakte daher seinen Werkzeugkoffer an der Innenseite der geöffneten Tür ein. Das entsprach zwar nicht gerade den Sicherheitsrichtlinien, aber wenn man so lange im Job unterwegs war wie er, dann waren die auch eher als Empfehlungen denn als Vorschriften anzusehen. Er wusste immerhin, was er hier tat. Kurzer Blick auf die Kontrollleuchte. Rot. Perfekt. Mit dem Schraubenschlüssel die Verkleidung aufgeschraubt, aufgeklappt und mit dem Schmierfett an die Arbeit gemacht. Business as usual. Er war mit den Gedanken schon beim Heimweg und dem Zwischenstopp an der Imbissbude bei Rita, als er ein lautes Surren vernahm. Die Kontrollleuchte blinkte grün? „Was soll das?“, sagte er noch zu sich selbst, ehe er panisch die Hände vom Generator nahm. Die Nabe drehte sich und mit ihr also auch die Flügel; jemand hat die Sperre aufgehoben. Das war neu. Hastig kehrte er sich unter ohrenbetäubendem Lärm um und wollte die Kabine verlassen. Sein Werkzeugkoffer verhinderte jedoch ein schnelles Aussteigen. Das Letzte, was Malte spürte, war ein dumpfer Schlag auf seinen Hinterkopf. Das Letzte, was er sah, war ein greller Lichtblitz und die Wasseroberfläche, die sich rasend schnell näherte.

Trotz seiner bereits vierzehn Jahre bei der Hafenpolizei hatte Inspektor Hornbostel sowas noch nicht erlebt. „Pass auf, Arnold, sowas hast du noch nicht gesehen“, gluckste Heiner mit (für Hornbostels Geschmack ein wenig zuviel) Enthusiasmus, als er das Leichentuch beiseite zog. Aber er hatte Recht: Dem aufgedunsenen, leblosen Körper steckte ein riesiger Schraubenschlüssel bis zur Hälfte im Hinterkopf. „Das ist mindestens Größe 19“, staunte Hornbostel nicht schlecht. „21“, korrigierte Heiner, „der hat nicht mehr viel mitbekommen; von der Windanlage gefallen und den Aufprall vermutlich schon nicht mehr mitbekommen“, den Inspektor irritierte es immer wieder, mit welcher Euphorie sein jüngerer Kollege den Fällen begegnete. „Wie dem auch sei, das schreit auf jeden Fall nach einer weiteren Untersuchung. Gibt es irgendwelche Zeugen? Wer hat ihn gefunden? Was hat er überhaupt da oben gemacht? Gibt es schon Ansprechpartner von der Firma hier?“