Plotplan und Geschichte aus Polizeimeldung

Dies ist eine Übung aus der dritten Lektion (“Die Struktur einer Geschichte”) in meinem Creative Writing Kurs (Hintergrund).

Die Aufgabe ist das Heraussuchen einer aktuellen Polizeimeldung und das anschließende freie Brainstorming darüber. Aus den Ideen soll eine Plotidee und schließlich ein grober Plotplan entstehen. Aber damit nicht genug: Zu guter Letzt soll eine Kurzgeschichte aus dem Ergebnis entstehen, die dann für ein paar Wochen auf Halde gelegt wird, um sie später mit neuen Erkenntnissen nochmals zu analysieren. Hier ist das, was dabei herausgekommen ist.


Dies war die von mir herausgesuchte und zu Grunde gelegte Polizeimeldung:

POL-KLE: Geldern – Diebstahl von Betriebsgelände; Täter flüchten in weißem Kastenwagen. Am frühen Samstagmorgen (8. Januar 2022) haben sich unbekannte Täter Zutritt zum Gelände einer Tischlerei an der Zeppelinstraße verschafft, indem sie einen Maschendrahtzaun durchtrennten. Anschließend drangen sie ohne Aufbruchsspuren in zwei auf dem Grundstück abgestellte Firmenfahrzeuge ein und entwendeten daraus mehrere Werkzeugmaschinen.

Kreispolizeibehörde Kleve, 10.01.2022 12:16 Uhr

Und hier ist das, was als grober Plan nach dem Plot-Brainstorming heraus kam.

Plotidee und grober Plotplan nach dem Brainstorming zur Polizeimeldung.

Und die passende Geschichte darf natürlich auch nicht fehlen – viel Spaß!


Seid gegrüßt, liebe Leser, mein Name ist Trozz. Wenn ich euch sagen würde, dass ich gerade ungefähr so groß bin wie ein Streichholz, dann würde mir das vermutlich niemand glauben. Viele, die zum ersten Mal einen Gnom sehen, wundern sich selbst über meine normale Größe. Ich selbst hätte mich vermutlich für verrückt erklärt. Aber ich beginne am besten ganz von vorn.

Ich wohne in einem kleinen Dorf, das so unbedeutend ist, dass es auf den meisten Landkarten noch nicht einmal eingetragen ist. Die nächste größere Stadt ist Schirrwindt, einige hundert Kilometer entfernt. Mein Vater arbeitet als Tischler in der alten Dorfwerkstatt. Schon seitdem ich ein kleiner Junge war versuchte er, mich für seine Arbeit zu begeistern. Doch sooft er mich auch mit in die Werkstatt nahm, Gefallen fand ich an der Arbeit nie. Doch meinen Vater musste etwas an der Arbeit faszinieren. Stundenlang verschloss er sich abends in der Tischlerei und arbeitete bis tief in die Nacht hinein. Allein bei dem Gedanken daran, den Betrieb zu übernehmen und dann auf so viel Arbeit sitzen zu bleiben, verging mir die Lust daran. Letztendlich überredete er mich eines Tages, als er vor lauter Arbeit so starke Rückenschmerzen hatte, dass er nicht mehr arbeiten konnte. Mein Mitleid mit dem alten Herrn überwog und ich ließ mich dazu breitschlagen, den Betrieb an seiner Stelle weiterzuführen.

Zumindest behauptete ich das. Innerlich hatte ich schon tagelang Pläne geschmiedet, um mich irgendwie davor zu drücken. Einen anderen Job annehmen? Hier? Niemals. In die große Stadt umziehen? Von welchem Geld? Geld, ja genau, das wäre mein Ticket in die Großstadt. Die Idee, die sich immer fester in meinem Kopf einnistete, war zwar nicht sehr rühmlich, aber effektiv. Ich wollte selbst in die Werkstatt eindringen, einige teure Maschinen wie Kreissägen und Pressen stehlen und die ganze Aktion so als Diebstahl aussehen lassen. Die Geräte hatte mein Vater schon vor einiger Zeit auf mein Anraten hin versichern lassen. Bei Erfolg hätte die Aktion gleich mehrere Vorteile. Ich würde nicht nur die für den Betrieb unerlässlichen Werkzeugen verlieren, sondern hätte darüber hinaus auch noch einiges an Kapital, mit dem ich meine berufliche Zukunft nach meinen Wünschen gestalten könnte. Und das, ohne meinem Vater ob der Umorientierung zu sehr vor den Kopf zu stoßen. Eines Nachts schlich ich mich nun also in die Werkstatt. Zuvor hatte ich einige Leute angeheuert, die die Geräte nach dem Verladen in Lastwagen so weit weg bringen wie möglich, ohne Fragen zu stellen. Es war ein nebeliger Abend, dichte Schwaden hingen zwischen den Häusern und erschwerten die Sicht noch zusätzlich. Mir war das gerade Recht, half es mir doch, meinen Plan noch besser unbemerkt in die Tat umsetzen zu können. Den Weg zur Werkstatt konnte ich auch ohne Licht problemlos finden. Die letzten Tage war ich ihn mehrfach abgelaufen, um sämtliche Abläufe zu verinnerlichen.

Das alte Vorhängeschloss an der Tür brach ich mit Leichtigkeit auf und schlüpfte hinein in die Werkstatt. Ich durfte kein Licht anmachen, das könnte meinen Vater alarmieren, der direkt gegenüber im Wohnhaus schlief. Hätte er gewusst, was ich vorhätte, so hätte es ihm wahrscheinlich das Herz gebrochen. Die Werkstatt war sein Vermächtnis, aufgebaut über viele Jahre und so stets als sein wertvollstes Gut behandelt. Doch es war ebenso ein Vermächtnis, welches ich nicht bereit war, weiterzuführen. Ich schüttelte die Schuldgefühle ab und begab mich nach hinten zu den Maschinen. So genau hatte ich sie mir noch nie angesehen, auch wenn ich einmal in der Werkstatt aushalf. Auf einigen von ihnen hatte sich bereits eine dünne Staubschicht gebildet, seit mein Vater sie nicht mehr benutze. Andere wiederum standen verdeckt unter Planen in der Ecke. Ich entschied mich dafür, zunächst die kleinen Bohrer nach draußen zu bringen. Als ich mir gerade die erste Ladung geschnappt hatte und mich auf den Weg zu den Lastwagen machen wollte, bemerkte ich in der linken oberen Ecke des Raumes ein kleines rotes Lämpchen. Ganz schwach und unscheinbar leuchtete es, doch gefror mir sofort das Blut in den Adern, als mir bewusst wurde, was ich da entdeckt hatte. Eine Überwachungskamera. Sofort spürte ich die Panik in mir aufsteigen. Bei meinen Kontrollgängen war sie mir nie aufgefallen. Hatte mein alter Herr sie heimlich installiert, ohne mir davon zu berichten? Egal, das alles spielte in diesem Moment keine Rolle. Meine Gedanken drehten sich nur völlig im Kreis. Ich musste verschwinden. Ich ließ die Bohrer zu Boden fallen und hastete in Richtung Hintertür. Von dort aus wäre es nicht weit bis zum Wald. Dort wäre ich erst einmal sicher.

Ich rannte durch die Werkstatt in Richtung Tür. Plötzlich spürte ich, wie etwas meinen Fuß umschlang. Ich hatte eines der am Boden liegenden Stromkabel übersehen. Doch mein Bemerken kam zu spät. Aufgrund meines Tempos geriet ich aus dem Gleichgewicht und stolperte nach vorn. Meine Hände versuchten panisch, meinen Fall abzufangen, doch fanden nichts zum Festhalten.

Ich verlor endgültig das Gleichgewicht und krachte mit voller Wucht gegen eine alte Holzkiste, die in der Ecke stand. Noch nie zuvor war sie mir aufgefallen. Doch als das Holz unter meinem Gewicht zusammenbrach, entdeckte ich im Inneren eine glänzende Maschine. Mein Aufprall musste sie aktiviert haben, jedenfalls begann sie plötzlich grell aufzuleuchten und ein dröhnendes Geräusch ertönte.

An den nächsten Moment erinnere ich mich nur noch bruchstückweise. Einige grelle Blitze erfassten mich, ein Gefühl von tausend Stromschlägen durchfuhr meinen Körper. Dann wurde mir schwarz vor Augen. Ich habe bis heute keine Ahnung, wie lange ich bewusstlos war, als ich jedoch zu mir kam, da blieb mir das Herz beinahe erneut stehen. Die eben noch winzige Schraube auf dem Boden war plötzlich größer als ich, der Tisch erhob sich vor mir so riesig wie ein Berg. Es wäre gelogen, zu behaupten, dass ich das Ganze so gut weggesteckt habe, wie es sich jetzt anhört. Es dauerte eine lange Zeit, bis mir vollends bewusst wurde, was mir in diesem Moment widerfahren war. So, nun kennt ihr die Geschichte, wie ich so klein wie ein Zahnstocher wurde. Dabei gibt es noch so viel zu erzählen über all die Dinge, die ich in den nachfolgenden Wochen und Monaten herausfand. Doch das ist eine Geschichte für ein anderes Mal. Nur so viel: Nicht einmal in meinen kühnsten Träumen hätte ich mir ausmalen können, womit mein Vater die nächtlichen Stunden in seiner Werkstatt verbracht hatte.