Textstellen, die im Kopf bleiben (2/2)

Dies ist der zweite Teil der zweiten Übung aus der ersten Lektion (“Über das Schreiben”) in meinem Creative Writing Kurs (Hintergrund).

Hier werde ich dazu aufgefordert, zehn Textstellen aus gelesenen Büchern zu nennen, die mir im Gedächtnis geblieben sind, die ich herausgeschrieben oder markiert habe. Dazu soll ich dann jeweils ein bis zwei Sätze schreiben und begründen, warum ich die Textstelle schön finde. Das kann inhaltlich begründet sein, an der Form liegen, an der besonders gewitzten Sprache oder oder oder.

Die Aufgabe gestaltet sich überraschend zeitaufwändig. Ich habe zwar einige Zitate und Stellen im Kopf, muss diese aber natürlich auch erstmal wieder in meinen Büchern finden. Dabei fallen mir dann weitere ein und ich wiege ab, welche ich nehme. Eine wirklich schöne Beschäftigung. Es schwingt jedoch die ständige Angst mit, eine tolle Stelle zu vergessen, die man eigentlich unbedingt aufnehmen sollte. Hier sind nun meine Textstellen sechs bis zehn (immer erst das Zitat und dann meine kurze Erläuterung); in den nächsten Tagen widme ich mich dann der dritten Aufgabe aus dieser Lektion (insgesamt gibt es vier).


“Camilla: ‘Sie, Sir, sollten sich demaskieren.’ Fremder: ‘In der Tat?’ Cassilda: ‘In der Tat, es ist Zeit. Wir haben alle unsere Verkleidung abgelegt, außer Ihr.’ Fremder: ‘Ich trage keine Maske.’ Camilla (erschrocken, neben Cassilda): ‘Keine Maske? Keine Maske!’”

“Der König in Gelb” von Robert W. Chambers

Es mag Leute geben, die sich hierbei an einen gewissen Loriot-Sketch erinnern, aber das Werk ist wesentlich älter. Es handelt sich um einen Auszug aus einem fiktiven Drama innerhalb der Geschichte von Robert W. Chambers. Das gesamte Drama bekommt man nie zu lesen. Stattdessen wird mit Auszügen gearbeitet, die bestimmte mysteriöse Aspekte in den Vordergrund stellen. Bei diesem kann man echt ins Schaudern geraten, war der Fremde doch stundenlang zu Gast auf diesem Maskenball und entpuppt sich am Ende plötzlich ganz unvermittelt als etwas Übernatürliches.

“It is the immensity, I believe. The hugeness of things below. The darkness of dreams. But I am woolgathering. Forgive me. I am not a literary man. I had been in need of lodgings. That was how I met him. I wanted someone to share the cost of rooms with me. We were introduced by a mutual acquaintance, in the chemical laboratories of St. Barts.”

“A Study in Emerald” von Neil Gaiman

Unvermittelter Einstieg des Ich-Erzählers, der sofort zu Sache kommt. Teils ins Selbsgespräch vertieft, teils an einen möglichen Leser gewandt. Eine geheimnisvolle Stimmung kommt auf: Wer ist es, der da berichtet? Warum berichtet er? Was deutet er in den ersten Sätzen an? Und wer ist diese Person, die er da getroffen hat? Es dauert nicht lange, da erfährt man, dass es sich bei der Person um Dr. Watson handelt und hier von seiner ersten Begegnung mit Sherlock Holmes berichtet wird. Und zwar nicht in einem Doyle-Roman, sondern in einer Art “Fanfiction” von Neil Gaiman. Eine wunderbare Kurzgeschichte, die übrigens frei verfügbar ist.

“Weshalb gingen sie denn immer noch nicht? Ich eilte mit schweren Schritten auf und ab, als ob mich die Beamten durch ihr Beobachten bis zur Wut gereizt hätten. Vergeblich! Das Geräusch schwoll an. Mein Gott! Was konnte ich noch tun? Ich schäumte vor Wut – ich raste, ich fluchte! Ich ergriff den Stuhl, auf dem ich gesessen, und scharrte mit ihm auf der Diele umher – das Geräusch übertönte alles und wuchs und wuchs! Es wurde lauter – lauter – lauter! Und noch immer plauderten die Männer vergnügt und lächelten dazu. War es möglich, daß sie es nicht hörten? Allmächtiger Gott! Nein! Nein! Sie hörten es! – Sie schöpften schon Verdacht! – Sie wußten alles! – Sie trieben nur Spott mit meinem Entsetzen! Dies dachte ich (und denke es noch). Aber alles andere war erträglicher als meine Todesangst, war besser als ihr Hohn! Ich konnte ihr heuchlerisches Lächeln nicht länger ertragen. Ich fühlte, daß ich schreien müsse – oder sterben! – Und nun – horch – wieder – lauter! lauter!! lauter!!! lauter!!!!”

“Das verräterische Herz” von Edgar Allen Poe

Der innere Ausbruch des Protagonisten aus dieser hervorragenden Kurzgeschichte. Ich mag es, wie in nur wenigen Zeilen der Wahnsinn in der Person immer mehr sichtbar wird, er mit sich selbst diskutiert und schließlich nicht mehr anders kann, als auszubrechen. Eine eigentlich sicher geglaubte Situation gerät innerhalb von Sekunden außer Kontrolle – sehr anschaulich geschildert in diesem Monolog.

“Eigentlich gehörte sie zu einer Generation, deren turnschuh-tragenden und Sushi-essenden Vertretern schon der Besitz einer Hauskatze als unerträgliche Verantwortung erschien. ‚Haus bauen, Baum pflanzen, Kind zeugen‘ war kein Glücksrezept mehr, sondern eine Horrorvision. Die Ewigpubertierenden wollten sich alles offen halten und wunderten sich dann über Orientierungslosigkeit.”

“Unterleuten” von Juli Zeh

Eine knallharte Beschreibung eines bestimmten Typen Mensch bzw. einer Gruppe von Menschen, deren Mitglieder ich nach dem Lesen dieser Sätze direkt vor Augen habe. Man weiß genau, wer gemeint ist. Mit allen Stereotypen, Vorurteilen und Meinungen. Eine wirklich treffend scharfe Beobachtung, von denen es übrigens mehrere in diesem Buch gibt: Das Kaff Unterleuten ist reich an schrulligen Charakteren, sorgsam und mit großer Beobachtungsgabe der wirklichen Welt entnommen.

“But like a boat with a twisted rudder, I kept coming back to the same place. I wasn’t going anywhere. I was myself, waiting on the shore for me to return. Was that so depressing? Who knows? Maybe that was ‚despair‘. What Turgenev called ‚disillusionment‘. Or Dostoyevsky, ‚hell‘. Or Somerset Maugham, ‚reality‘. Whatever the label, I figured it was me.”

“Hard-Boiled Wonderland and the End of the World” von Haruki Murakami

Der Moment als der Erzähler einen Moment der Selbsterkenntnis hat; mir gefällt die Stimmung, die hier aufgebaut wird; die Verweise auf reale Autoren und ihre Werke. Das Bild des kaputten Ruders, was ihn immer wieder in die selbe Ausgangssituation versetzt, gefällt mir ebenfalls sehr. Dieses Bild ist auch das, was mir noch im Kopf schwebte – die Stelle selber musste ich etwas länger suchen.