Textstellen, die im Kopf bleiben (1/2)

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Dies ist der erste Teil der zweiten Übung aus der ersten Lektion (“Über das Schreiben”) in meinem Creative Writing Kurs (Hintergrund).

Hier werde ich dazu aufgefordert, zehn Textstellen aus gelesenen Büchern zu nennen, die mir im Gedächtnis geblieben sind, die ich herausgeschrieben oder markiert habe. Dazu soll ich dann jeweils ein bis zwei Sätze schreiben und begründen, warum ich die Textstelle schön finde. Das kann inhaltlich begründet sein, an der Form liegen, an der besonders gewitzten Sprache oder oder oder.

Die Aufgabe gestaltet sich überraschend zeitaufwändig. Ich habe zwar einige Zitate und Stellen im Kopf, muss diese aber natürlich auch erstmal wieder in meinen Büchern finden. Dabei fallen mir dann weitere ein und ich wiege ab, welche ich nehme. Eine wirklich schöne Beschäftigung. Es schwingt jedoch die ständige Angst mit, eine tolle Stelle zu vergessen, die man eigentlich unbedingt aufnehmen sollte. Hier sind meine ersten fünf Textstellen (immer erst das Zitat und dann meine kurze Erläuterung).

“Kein Vergnügen ist so leicht zu haben wie eine nette Konversation. Sie kostet kein Geld, bringt Gewinn, erweitert den Horizont, begründet und pflegt Freundschaften und lässt sich in jedem Alter und so gut wie jeder gesundheitlichen Verfassung genießen.”

“Die Schatzinsel” von Robert Louis Stevenson

Obwohl das Buch eher an jugendliche Leser gerichtet ist, beinhaltet es eine Menge an Weisheiten, die in frischer Form eingeflochten werden und auch für ältere Leser schöne Bilder und Lehren vermitteln und zum Nachdenken anregen. Diese Stelle ist mir besonders im Kopf geblieben, die Worte richten sich nicht nur an den Protagonisten Jim Hawkins sondern auch an den Leser.

“Worte sind blasse Schatten vergessener Namen. Und wie Namen Macht innewohnt, wohnt auch Worten Macht inne. Mit Worten kann man im Geist der Menschen Feuer entfachen. Mit Worten kann man selbst dem hartherzigsten Menschen Tränen entlocken. Es gibt sieben Worte, die einen Menschen dazu bringen, dich zu lieben. Und es gibt zehn Worte, mit denen man den Willen selbst des stärksten Mannes brechen kann. Aber ein Wort ist weiter nichts als die bildliche Darstellung eines Feuers. Ein Name ist das Feuer selbst.”

“Der Name des Windes” von Patrick Rothfuss

Diese Textstelle steht stellvertretend für viele andere aus dem Werk von Patrick Rothfuss; die Themen Worte, Namen, Stille, Gesang durchziehen die Romane. Dieser Auszug vermittelt nicht nur eine Lebensweisheit, sondern auch das Konzept der Namen, welches die Grundlage für die Magie in der fiktiven Welt ziemlich früh andeutet. Und das nicht nur für Kvothe (den Hauptcharakter), sondern auch den Leser. Die Textstelle ist außerdem ein Foreshadowing kommender Ereignisse. Ein paar Sätze mit vielen Funktionen, nichts wirkt im Gesamtkontext deplatziert oder als sei es Füllmaterial.

“Die Sonne ging zögernd auf, als wüsste sie nicht so recht, ob es die Mühe lohne. Ein neuer Scheibenwelttag dämmerte, aber nur sehr langsam. Und zwar aus folgendem Grund: Wenn Licht auf ein starkes magisches Feld trifft, vergisst es plötzlich, was Eile bedeutet. Es wird geradezu träge. Und auf der Scheibenwelt war die Magie besonders stark ausgeprägt. Deshalb glitt das mattgelbe Glühen der Dämmerung wie eine sanfte, liebkosende Hand über die schlafende Landschaft – goldenem Sirup gleich, wie manche Leute meinen. Es hielt inne, um Täler zu füllen. Es kroch müde an Berghängen empor. Als es Cori Celesti erreichte, das zehn Meilen hohe Massiv aus grauem Fels und grünem Eis in der Scheibenmitte, türmte es sich zu großen Haufen auf, um jenseits des Gipfels mit der eher bescheidenen Wucht einer ins Alter gekommenen Lawine durch die dunkle Landschaft zu rollen.”

“Das Licht der Phantasie” von Terry Pratchett

Sehr bildhafte Sprache, unübliche Metaphern aus der Alltagswelt, um die fantastische Welt zu beschreiben. Auch die Idee, das Licht als Vehikel zu benutzen, um den Aufbau und die Eigenheiten der Scheibenwelt zu beschreiben, gefällt mir sehr. Außerdem scheint der Erzähler den Leser auch direkt an die Hand zu nehmen, eine persönliche Beziehung aufzubauen – für mich sticht da das eingeschobene “wie manche Leute meinen” hervor.

“Spüren Sie die? Diese Kälte? Also nicht nur draußen, sondern auch sozial.”

“Mulatten in gelben Sesseln” von Harald Schmidt

Der unvermittelte Start in ein Kapitel; in drei kurzen Sätze ganz schnell Thema und Einstiegsstimmung gesetzt. Und noch dazu mit einem cleveren Wortspiel. Und gleichzeitig kann ich mir vorstellen, wie Harald Schmidt damals in seiner Late Night Show sein Standup mit diesen Worten einleitet. Ich habe direkt sein Bild im Kopf, seine Tonlage, seinen Duktus. Und das nur mit diesen drei Sätzen; das finde ich faszinierend und ist mir im Kopf geblieben.

“Eines noch, Junge, was du dir merken musst: Es kommt nicht darauf an, wie eine Geschichte anfängt. Auch nicht darauf wie sie aufhört. Sondern auf das, was dazwischen passiert.”

“Die Stadt der träumenden Bücher” von Walter Moers

Ich mag die direkte Anrede des Lesers in Büchern, das Durchbrechen der vierten Wand. Das geschieht in diesem Roman mehrmals, auch relativ subtil. Dieser Auszug fasziniert mich, weil er im Kontext auch als Hinweis an den Protagonisten gelesen werden kann, allerdings fehlen die Anführungszeichen der wörtlichen Rede. Ich mag diesen Kniff.