Ich habe gerade die Lektüre von Roger Willemsens neuem Buch „Das Hohe Haus: Ein Jahr im Parlament“ beendet. Als jemand, der Willemsens Werk und Schaffen mag, war das natürlich eine Pflicht. Der Titel verrät schon viel über die Grundlage des Werkes: Willemsen hat sich ein Jahr lang in das deutsche Parlament gesetzt, mindestens einmal pro Sitzungswoche, und beobachtet und zugehört. Ob nicht zuhörende Parlamentarier, überforderte Redner oder primitive Gebahren zur Wahrung der Hackordnung – alles bringt er gewohnt eloquent zu Papier. Er hat beobachtet „wortreich nichts zu sagen“, wie er es selber nennt.

Er bietet dem Leser dabei weder Analysen noch Leitartikel, er bietet lose Mitschnitte, die zwischen den Zeilen feinen Scherz, Satire, Ironie und oftmals auch tiefere Bedeutung durchscheinen lassen. Dabei gelingt ihm das Kunststück, seine eigene politische Einstellung nicht preiszugeben. Das Buch ist wie ein Tagebuch aufgemacht, die Sitzungsdaten sind die jeweiligen Kapitelüberschriften, das zu der Zeit aktuelle Weltgeschehen wird – sofern relevant – dem Leser immer noch kurz in Erinnerung gerufen.

Doch was bringt das Ganze? Auf den ersten Blick unterhält das Buch, auf den zweiten sieht man vermutlich viele seiner eigenen Vorurteile bestätigt: Niemand hört zu, Meinungsverschiedenheiten werden ausgetragen wie in der Mittelstufe und gestritten wird nicht über das Liefern von Inhalten sondern über persönliche Beleidigungen und Machtgesten. Es geht nicht darum, Inhalte auszutauschen, sondern sein Gegenüber öffentlich nicht ernst zu nehmen. Auf die Tribüne mit den Zuschauern wird so gut wie nie geschaut, zu ihnen gesprochen schon gar nicht. Willemsen stellt klar, dass die große Arbeit der Parlamentarier in den Ausschüssen stattfinde. Entscheidungen würden in diesem Parlament nicht mehr getroffen; vielmehr gehe nur darum, seine eigene ausgehandelte Position mit allen Mitteln öffentlich als Erfolg zu verkaufen. Ein interessanter Blick hinter unsere Demokratie und eine Lektüre wert.