Ich weiß, ich bin etwas spät dran. Aber erst jetzt in meinem Urlaub komme ich zu einer Menge Sachen, die ich schon länger Mal geplant habe. Es geht um die aktuelle Platte von Pearl Jam: „Lightning Bolt“, erschienen im Herbst diesen Jahres.

Auch wenn das Album in der Fangemeinde durchaus stark diskutiert wird, halte ich es für eines der besseren von Pearl Jams letzten Veröffentlichungen. Nach der „Avocado“ von 2006 und Backspacer von 2009 hat sich die Band in den vergangenen Jahren mehr auf einige Solo-Aktivitäten und die dokumentarischen Filme konzentriert; die neue Platte wurde heiß erwartet. Und lieferte letztendlich eine gute Mischung aus Balladen, schnellen und langsamen Rocksongs und punkigen Stücken. Jeder Song für sich verkörpert für mich eine ganz bestimmte Richtung, in die sich Pearl Jam in den letzten Jahren entwickelt hat. Das Album als Ganzes  ist unangepasst, enthält drastische Kritik an eingefahrenen Strukturen und längst überholten Institutionen; es ist ein unbequemes Album, eben das, was die Band seit Jahren auszeichnet. Wie auch auf den bisherigen Alben, steuerten alle Bandmitglieder Songs bei – auf meine Favoriten gehe ich im Folgenden ein.

Getaway (Eddie) ist ein uptempo Rocksong als Einstieg in das Album, wo vor allem das eindrückliche Bass-Spiel von Jeff hervorzuheben ist. Inhaltlich lässt sich der ganze Song mit „Leben und leben lassen“ zusammenfassen. Keine großartige Message, aber akustisch schön verpackt. Weiter geht es mit einer der Single-Auskopplungen aus dem Album: Mind Your Manners (Mike). Ein sehr schneller, punkartiger Song, der mich überrascht hat – von seiner musikalischen und textlichen Wucht.  Harte Kritik an Kirche und Gesellschaft mit deutlichen Worten; zusammen mit dem grandiosen Artwork sowohl der Single als auch des Albums eine sehr schöne eindrückliche  Aussage.  Ein weiterer erwähnenswerter Song ist meiner Meinung nach Lighting Bolt, das Stück welches dem Album seinen Namen gibt und hinter dem sich eine schöne Liebesgeschichte verbirgt. Sehr melodiös und mitreißend mit schönen Gitarrenzwischenspielen von Mike und Stone. Für mich ganz klar auf einer Stufe mit Force of Nature von 2009.

Sleeping By Myself wurde von Eddie ursprünglich für seine Solo-Ukulele-Platte geschrieben und eingespielt, wird hier aber nochmal mit der ganzen Band performed. Eine gute Entscheidung, das ganze Lied kommt so wesentlich mehr zur Geltung – und die Ukulele bleibt trotzdem erhalten. Ein ermunterndes Lied, welches eine Aufbruchstimmung vermittelt und sich thematisch um die Gefühlswelt der ersten Tage nach der Trennung von seinem Partner dreht. Schön.  Zuletzt bleibt mir da noch Swallowed Whole, welches musikalisch wie eine Fusion aus den Alben Binarual und Riot Act anmutet. Klarer Gesang, akustische Gitarren mit elektronischen Pendants gemischt und solide Drums im Hintergrund.

Ich brauchte meine Zeit, mich mit dem Album anzufreunden – aber das brauchte ich seit Riot Act ehrlich gesagt immer. Pearl Jam hat sich entwickelt, würden sie heute noch über die gleichen Themen musizieren wie einst in Ten, Vs. oder Vitalogy müssten sie sich verstellen. Gute Künstler verarbeiten ihre eigenen Erfahrungen und Empfindungen in ihren Werken – somit entwickelt sich Pearl Jams Musik mit ihnen und bleibt nicht an einem Punkt stehen, wiederholt sich nicht. Die Klassiker bleiben dem Rezipienten ja nach wie vor erhalten; da passt auch ein Zitat von Eddie ganz gut: „Worship the music, not the musician.“

P.S.: Wer Pearl Jam trotzdem ein bisschen feiern will kann sich um Karten für die Berliner Wulheide im Juni bemühen, denn da geben die Herren dieses Jahr ihr einziges Deutschlandkonzert – ich werde wohl auch zugegen sein :).