„Yeah, I’m human. Are you?“

Ich habe nun SOMA durchgespielt – die erste Eigenentwicklung von Frictional Games seit dem schrecklich-schönen Amnesia: The Dark Descent. SOMA ist anders, weniger auf Horror getrimmt, sondern mehr auf unterschwelliges Unwohlsein. Philosophische Fragen werden aufgeworfen und zur Diskussion gebracht. Und das Setting wechselt vom 18. Jahrhundert in eine dystopische Zukunft. Achtung: In diesem Artikel fasse ich meine Erfahrungen zusammen und spoilere fast alles – ohne Rücksicht auf Verluste. Ich habe euch gewarnt.

Man, was war dieses Spiel für eine Achterbahnfahrt der Gefühle! Nach dem Ansehen der Trailer habe ich zunächst ein wenig mehr klassischen Horror ala Lovecraft erwartet – nur eben in der Zukunft und Unterwasser. Doch der Horror in SOMA ist anders. Er spielt mit der Isoliertheit des Protagonisten, seiner Ahnungslosigkeit in der aktuellen Umgebung und essentiellen moralischen Fragestellungen bezüglich künstlicher Intelligenz (KI) und menschenähnlichen Maschinen. Das ganze Spiel sorgt für eine depressive Stimmung, stresst einen, ist aber zu keinem Zeitpunkt auf tumbe Schockeffeckte getrimmt. Es ist clever, die Motive und Geschehnisse beschäftigen einen auch über die Spielzeit hinaus und nicht nur für den Moment in dem sie passieren.

Meine erste Überraschung erlebte ich zu Beginn des Spiels – denn wir starten keineswegs in der Zukunft: Das Spiel startet in der Wohnung des Protagonisten im Jahr 2015. Simon – so sein Name – ist ein normaler Mann mitte zwanzig und lebt in einer kleinen Mietwohnung in Toronto. Er hat vor wenigen Tagen seine Freundin bei einem Autounfall verloren und selber vermutlich irreparable Hirnschäden davon getragen. Ein Forscherteam um einen Doktoranden namens Munshi hat jedoch eine Methode entwickelt, die seinen Tod zumindest hinauszögern könnte: Ein exaktes Modell seines Gehirns wird durch einen Computerscan erstellt, um daran mögliche Behandlungsmethoden in kurzer Zeit zu durchlaufen. Die Methode mit den größten Heilungschancen kann anschließend an ihm durchgeführt werden. Zu Beginn erhalten wir einen Anruf Mr. Munshi, welcher uns an den Termin an diesem Tag erinnert. Nachdem wir die Wohnung durchsucht und das Kontrastmittel für den Scan getrunken haben, machen wir uns mit der U-Bahn auf den Weg in das provisorisch eingerichtete Labor. Dabei machen wir uns mit der Steuerung vertraut und lösen erste Rätsel. Am Ende setzen wir uns in den Behandlungsstuhl und bekommen einen Helm für den Scan aufgesetzt. Dann faded der Bildschirm auf schwarz.

Wir erwachen in einer Art Abstellraum mit Taucheranzügen, technischen Apparaten und jeder Menge Sicherheitshinweisen. Relativ schnell treffen wir auf stillgelegte, roboterartige Maschinen und nehmen Funkkontakt mit einer ebenfalls auf der Station befindlichen Person – Catherine – auf. Diese scheint mehr zu wissen und klärt uns über allerlei Dinge auf: Wir befinden uns im Jahre 2103 in einer großen Unterwasserbasis namens Pathos-II, welche als Forschungsstation für die Zeit nach einem – bereits erfolgten – Kometeneinschlag auf der Erde gebaut wurde. Auf dem Weg zu Catherine merken wir, dass einiges nicht stimmt. Die Maschinen machen sich selbstständig, greifen einen an – die meisten wirken menschenänhlich oder wissen nicht einmal, dass sie Maschinen sind. Ein Verdacht erhärtet und bestätigt sich: Die Maschinen haben menschliche Erinnerungen in sich und Simon selber ist auch eine Maschine!

Hier dachte ich zuerst: Alles klar, das ist bestimmt alles ein Hirngespinst von Simon, welcher gerade in seinem Gehirn gegen seine Verletzung kämpft. Aber Pustekuchen: Es ist noch wesentlich besser!

Seitdem man den Helm in Mr. Munshis Stuhl aufgesetzt hat und das Bild schwarz wurde, spielt man nicht mehr Simon. Man spielt einen Roboter, welcher mit einer KI basierend auf Simons Gehirn-Scan läuft. Als Spieler durchlebt man genau dasselbe, was auch die KI erlebt hat: Das Letzte, was man weis, ist, dass man sich auf den Stuhl gesetzt hat und nur wenige Sekunden später plötzlich in einer heruntergekommenen Unterwasser-Station aufwacht. Simons Leben lief ganz normal weiter, aber da man nur eine Kopie ist, weis man von alledem natürlich nichts. Wir als KI wurden einfach über hundert Jahre später eingeschaltet; für uns ist praktisch keine Zeit vergangen. Dieser Start ins Spiel ist wahnsinnig clever und spielt mit wahnsinnig interessanten Ansichten. Aber es geht noch weiter.

Wenig später verpasst einem das Spiel noch einen Tritt in die Magengegend: Wir finden Aufzeichnungen von Simons Hirnscan und erfahren, dass das Experiment nicht die erhoffte Heilung brachte. Wenige Monate nach dem Scan erlag er seinen Gehirnblutungen. Der Mensch, als der wir in das Spiel gestartet sind und in dessen Apartment wir aufgewacht sind, existiert nicht mehr. Darauf angesprochen erklärt einem Catherine, dass „this scan from a hundred years ago“ als Demo-Template-KI für Roboter-Bausätze dient. Dass es vermutlich Millionen von Simons da draußen gibt/gab, mit denen Kinder ihre ersten Robotik-Erfahrungen sammelten und herumbastelten. Eine Art „Hello World“-KI. Man, das hat mich runtergezogen und fasziniert gleichermaßen. Auf einmal fühlt man sich noch schlechter bei dem ganzen An- und Abschalten der ganzen Maschinen im Laufe des Spiels, da sie genau so fühlen wie man selber. Man zieht den Stecker oder steckt ihn ein; tötet und wiederbelebt die „KIs“ nach Belieben.

Und dann kommt gegen Ende des Spiels der für mich eindringlichste Teil: Catherine hilft mir dabei, meinen Geist in einen neuen Körper zu transferieren, da meine momentane Gestalt doch im Laufe des Spiels relativ ramponiert wird. Das Bild wird kurz schwarz und alles ist wie vorher. Simon meint, es habe nicht geklappt. Jedoch hat wieder ein Perspektivwechsel stattgefunden: Er steht nun sich selber – seiner eigenen KI – gegenüber. Es wurde eine weitere Kopie angelegt. Und als Spieler muss man sich nun entscheiden: Lasse ich den „alten“ Simon zurück? Den Charakter mit dem ich die letzten Stunden geschwitzt, geweint und mich gefürchtet habe? Oder überlasse ich den gerade neu entstandenen Simon, welcher ebenso denkt und fühlt wie der andere und auch die gleichen Erinnerungen in sich trägt, in dieser Dunkelheit zurück? Es gibt darauf einfach keine richtige und falsche Antwort! Ich finde das einfach unheimlich stark!

Am Ende – wovon ich dann doch nichts spoilern werde – trifft man auf den letzten lebenden Mensch der Erde und man muss einige ebenfalls sehr fragwürdige Entscheidungen treffen. Es gibt noch jede Menge Handlung und Story, die das alles zusammenhält: Sinn der Forschungsstation, eine ominöse „Warden AI“, Schicksal der Erde, Zwischenfälle auf der Station vor der Katastrophe, etc. Aber nichts übertrifft für mich die Geschichte von Simon und die ganzen – in Zukunft gar nicht mal so unrelevanten – Fragen, die das Spiel aufwirft.

Ganz groß, Frictional Games!