Geschichten vom großen, bösen Wolf

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Der Holzfäller im Märchen Rotkäppchen hat das Haus der Großmutter schon einige Wochen ausgekundschaftet und wollte das kleine Mädchen mitsamt ihrer Oma überfallen, um so an ein paar Münzen für neuen Alkohol zu gelangen. Leider machte ihm der Wolf einen Strich durch die Rechnung, sodass der Holzfäller ungewollt zum Helden wurde. Anfangs versuchte er noch, die neu gewonnene Beliebtheit zu genießen und das Spiel mitzuspielen, doch nach einiger Zeit verfiel er wieder der Flasche. Wie, das war alles ganz anders meint ihr? Dann kennt ihr wahrscheinlich die Comicbuchreihe Fables und das darauf basierende Tellale-Spiel The Wolf Among Us nicht.

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Die Prämisse von Fables ist so einfach wie genial: Allerlei Wesen aus dem Reich der Märchen, Mythen und (urbanen) Legenden sind in die reale Welt gelangt und Leben dort unter den Menschen in einer eigenen kleinen Gemeinschaft namens Fabletown in Manhattan. Sie sind in der realen Welt unglaublich schwer zu töten, außerdem altern sie nicht. Ihre Stärke und Lebenserwartung richtet sich nach der Bekanntheit bei den Menschen. Um sich unter diesen unerkannt zu bewegen, müssen sie sich das Medikament Glamour kaufen, welches ihnen ein menschliches Aussehen verleiht. Anders als man denken mag, läuft allerdings nicht alles wohlgesittet und märchenhaft ab: Die meisten Fables leben in sozialer Verwahrlosung und Armut. Wenige können sich das teure Glamour noch leisten und die Kriminalitätsrate steigt stetig an. Um für Recht und Ordnung zu sorgen, gibt es eine Art Fable-Ministerium und auch einen Sheriff. Eine der Bediensteten im Ministerium ist Schneewittchen (Snow White), welche zusammen mit dem Sheriff Bigby Wolf (Abkürzung für Big B bzw. Big Bad Wolf – der böse große Wolf aus Rotkäppchen) für Ordnung sorgen soll. Die Comics sind auf kein bestimmtes Genre festgelegt – von klassischem Kriminalfall, Thriller über Horrorgeschichte sind viele verschiedene Genres vertreten.

Das Spiel The Wolf Among Us spielt im Jahre 1989 (vor den Geschehnissen der literarischen Vorlage). Man verkörpert Bigby Wolf – das Spiel startet mit einem Einsatz beim altbekannten Holzfäller aus Rotkäppchen. Dieser befindet sich in seinem Apartment in einem Kampf mit einer jungen Dame namens Faith und ist sturzbetrunken. Der Konflikt kann mit Fäusten geregelt werden, jedoch bleibt das Motiv für die Tat und die Identität des Mädchens ein Rätsel. Erst als es am nächsten Morgen – oder besser: Ihr Kopf – tot auf den Treppenstufen zu Bigbys Apartment liegt, werden Ermittlungen aufgenommen. Bigby, welcher als Zeichen der Wiedergutmachung für das Wegpusten seines Hauses das Schwein Colin bei ihm wohnen lässt, hat es bei seinen Ermittlungen allerdings sehr schwer: Auf Grund seiner Vergangenheit sind andere Fables nicht gut auf ihn zu sprechen; seine Einzelgänger-Art ist der Akzeptanz unter seinen Artgenossen ebenfalls nicht zuträglich. Zusammen mit Bigby und Snow White taucht man als Spieler immer tiefer in die herrlich verquere und sehr detailliert ausgearbeitete Welt des Fable’schen Ghettos ein.

Das Spiel setzt sehr auf packende Inszenierung, sehr gut ausgearbeitete Dialoge und Spannung. Der Rätselanteil ist wie schon in den Vorgängerspielen The Walking Dead und Jurassic Park sehr stark heruntergeschraubt. Der Grafikstil ist ein wunderhübsch anzusehendes Comic Noir; gekoppelt mit filmischen Schnitten und passend ausgewählten Musikstücken ist es ein eindrucksvolles Spielerlebnis.

Telltales beste Spielereihe bisher. Meine Meinung.