Erst gestern schwadronierte ich über die geniale Serie Sherlock aus Großbritannien; heute habe ich die letzte, und meiner Meinung nach beste, Folge der bisher veröffentlichten Episoden gesehen: „Der Reichenbachfall“ (Originaltitel: The Reichenbach Fall). Von daher hier schonmal eine klare Spoilerwarnung: Wer die literarische Vorlage „The Final Problem“ aus dem Jahre 1893 – oder zumindest die grobe Biographie von Sherlock Holmes – nicht kennt, könnte hier gespoilert werden. Wie die meisten Folgen der Serie, bezieht sich auch diese nämlich auf eine Vorlage von Arthur Conan Doyle. Wer die Geschichte kennt, wird wissen warum diese – nach den „Hunden von Baskerville“ – zu den bekanntesten Werken über und mit dem genialen Detektiv zählt. Am Ende steht nämlich nichts anderes als der (scheinbare) Tod von Sherlock Holmes. Zusammen mit seinem Erzfeind Professor Moriarty stürzt er dort in den Reichenbachfall in der Schweiz. Leichen können keine geborgen werden.

In der Serie gelingt die Übertragung der Geschichte in das London der heutigen Zeit tadellos. Haben die Autoren schon vorher vor allem mit den übertragenen Geschichten um Irene Adler und den Hunden von Baskerville eine nahezu perfekte Arbeit abgeliefert, übertrafen sie sich im Finale von Staffel 2 mit „Der Reichenbachfall“ noch einmal selber. Vielleicht sollte ich keine Reviews direkt oder einen halben Tag nach dem Anschauen einer Folge schreiben, sondern meine Gedanken sich erst einmal setzen lassen. Aber ich glaube, in diesem Fall hätte das keinen Einfluss auf meinen Text – zu packend und in sich schlüssig war das einfach, was mir da geboten wurde.

Nachdem Holmes das gestohlene Gemälde „Die Reichenbach Fälle“ (schöne Anspielung auf Doyles Vorlage) wiederbeschafft hat, wird er mehr und mehr zu einem Star und rückt immer mehr in die öffentliche Wahrnehmung. Sein Freund John Watson warnt anfangs stets davor, dass es gefährlich sein kann, so sehr im Fokus der Allgemeinheit zu stehen. Dann taucht Holmes‘ Widersacher Moriarty – dessen Wiedererscheinen in den vorherigen Folgen sorgsam aber subtil vorbereitet wurde – wieder auf: Er begeht drei große Verbrechen, lässt sich danach aber widerstandslos festnehmen, vor Gericht stellen und wird trotz erstickender Beweislast von der Jury freigesprochen. Eindrucksvoll stellt er damit nicht nur seine Überlegenheit und Macht unter Beweis, sondern es ist gleichzeitig – so stellt sich später heraus – auch der Beginn eines großen Planes, um Sherlock Holmes zu Fall zu bringen. Nachdem er für diesen einen geradezu maßgeschneiderten Entführungsfall fabriziert, wächst bei der Polizei das Unbehagen über die geradezu unheimliche Gabe Sherlocks. Ist der Meisterdetektiv etwa ein Betrüger, der selbst hinter den Verbrechen steckt, die er aufzuklären vorgibt? Zusammen mit geschickt gestreuhten, sehr detailliert ausgearbeiteten Lügen und der Manipulation der Presse, zweifeln langsam auch enge Vertraute (falls er überhaupt so etwas hat) an Sherlock.

Und was ist das für ein genialer Wow-Moment! Wenn einem selbst als Zuschauer, der weit mehr zu sehen bekommt als Sherlock, teilweise Zweifel kommen und sich eine berechtigte Sorge entwickelt, dass Moriarty mit seinem Vorhaben siegen wird, dann kann man nur von großem Kino sprechen. Die stärkste Szene ist die, als sich Sherlock und Watson mit der Hoffnung auf eine Gegendarstellung an eine Journalistin wenden und dann Moriarty in der Wohnung auftaucht, welcher sich als Schauspieler ausgibt – angeblich von Holmes selbst für die Rolle des in Wirklichkeit gar nicht existierenden Moriarty auserwählt. Pure Gänsehaut! Eine rätselhafte Gestalt bleibt für mich auch in dieser Folge Holmes älterer Bruder Mycroft, welchen ich einfach nicht deuten kann.

Die große Faszination die man als Zuschauer, und auch Leser, gegenüber Moriarty aufbringt, ist die Tatsache, dass er und Sherlock sich intellektuell ebenbürtig sind. Moriarty ist quasi das böse Gegenstück zum guten Sherlock. Dadurch wird er zu Holmes Erzfeind – und so wie er großen Respekt vor Holmes hat, hat auch dieser großen Respekt vor Moriarty. Es ist ein Duell auf Augenhöhe, bei dem Holmes jedoch auf Grund seiner Unbeliebtheit bei vielen Polizei- und Regierungsmitarbeitern (hervorgerufen durch sein arrogantes und besserwisserisches Verhalten) zu unterliegen erscheint. Holmes Demontage zieht sich bis zum großen Finale auf einem Londoner Hochaus hin (das Pendant zu den Reichenbachfällen in der Literaturvorlage), wo sich schließlich Moriarty selbst tötet und Holmes somit dazu zwingt seinerseits Selbstmord zu begehen. Verließe er das Gebäude als Lebender, so Moriarty, so würden alle die ihm etwas bedeuten auf der Stelle umgebracht werden. Und so springt er schließlich vor den Augen des schockierten Dr. Watson vom dem Haus.

Anders als in der literarischen Vorlage jedoch, endet diese Episode nicht mit dem Begräbnis (beziehungsweise einer Gedenkveranstaltung) von Holmes. Es wird stattdessen ein Besuch von Mrs. Hudson und Dr. Watson an seinem Grab gezeigt. Nachdem diese sich verabschiedet haben, schwenkt die Kamera nach links und man sieht, dass ein scheinbar ganz und gar nicht toter Sherlock Holmes die beiden aus dem Hintergrund heraus beobachtet hat. Die Frage, die seitdem mich und die ganzen Mitglieder der Fanforen im Internet interessiert: Wie hat er das gemacht? Wie hat er seinen Tod vorgetäuscht (dies hat er auch in „The Final Problem“ getan)? War das von langer Hand geplant, noch bevor er zu Moriarty auf das Haus ging? Hat er das Gespräch mit Moriarty bewusst in die Richtung gelenkt, die zum Selbstmord des Verbrechers führte? Wir als Zuschauer haben seinen Sprung, Sturz und tödlichen Aufprall auf dem Asphalt gesehen – waren dabei. Die sechs bisherigen, grandios ausgearbeiteten Folgen lassen auf eine „mind-blowing“ Erklärung in der ersten Folge der dritten Staffel hoffen. Selten war ich so gespannt auf eine Auflösung, weil ich einerseits absolut keine Ahnung habe, wie das aufgelöst werden soll, andererseits aber ein großes Vertrauen gegenüber den Machern habe, dass sie das nicht vermasseln werden. 2013 wird sich dies hoffentlich klären!